An Winterabenden, wenn es schon richtig dunkel ist, besuche ich sehr gerne die Gräber lieber Verstorbener auf dem Friedhof.

Foto: Karl Georg Michel
Ich spreche ein Gebet für sie. Manchmal unterhalte ich mich auch mit ihnen.
Ich erzähle ihnen dann von meinem Leben und gelegentlich frage ich sie auch um Rat, was ich in bestimmten Situationen tun könnte.
Am liebsten zünde ich dabei Kerzen an.
Gerade jetzt in der Weihnachtszeit macht das besonders viel Freude.
Am Grab meiner Großeltern hatten wir früher, als ich selber noch Kind war, immer einen kleinen Christbaum mit richtigen Wachskerzen.
Die durften wir immer anzünden und es hat dann am Grab wunderschön weihnachtlich geleuchtet.
Du musst aber unbedingt aufpassen und solltest ohne Erwachsene nie Kerzen anzünden, weder draußen und besonders nicht daheim!
Hast du schon mal gesehen, welch helles Licht selbst eine ganz kleine Kerze verbreitet? Tagsüber können wir das gar nicht bemerken. Aber wenn es dunkel geworden ist, leuchtet eine einzelne Kerze ganz weit und kann dir so sogar den Weg weisen.
Als ich neulich morgens auf dem Friedhof war und eine Kerze angezündet habe, ist mir noch etwas aufgefallen:
Der eiserne Deckel des Grablichts war feucht. Und doch gelang es der kleinen Flamme, die viel dünner als mein kleiner Finger war, den kalten Deckel allmählich zu wärmen und das Wasser zu verdampfen.
Oder war es sogar ganz dünnes Eis?
Vielleicht nach fünf Minuten habe ich zunächst nur einen kleinen Punkt gesehen.
Dieser dehnte sich dann aber langsam aus und war so groß wie eine Euro-Münze.
Es lief ab wie in einer ganz langsamen Zeitlupe.
Ich konnte dabei beobachten, wie das Wasser in ganz dünnen Schwaden verdampfte.
Am Ende blieben nur an den Rändern ein paar wenige kleine Wassertropfen übrig.

Foto: Karl Georg Michel
Diese Beobachtung auf dem Friedhof fällt mir beim Blick auf die heutige Erste Lesung ein:
„Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ (Jes 42,3)
Da ist vom Erwählten Gottes die Rede. Wir meinen damit Jesus. „Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Nationen das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen.“ (Jes 42,2)
Ich verstehe das so:
Das Reich Gottes verbreitet sich ganz langsam, im Stillen.
Es bleibt von vielen unbeachtet – so wie Kerzen, die tagsüber brennen.
Aber dennoch ist das Reich Gottes da und am Wachsen.
„Ich schaffe und mache dich zum Bund mit dem Volk, zum Licht der Nationen, um blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und die im Dunkel sitzen, aus der Haft.“ (Jes 42, 6b-7)
Ist das nicht eine wunderbare Vorstellung gerade jetzt für das noch neue Jahr? Es gibt ja auf der Welt so viel Dunkles. Auch du kannst selber zu einer ganz kleinen Kerze werden, die in die Welt strahlt, Wärme spendet und Menschen aus dem Dunkel ihres Lebens ins Licht führen kann.

Foto: Karl Georg Michel
Aber ist damit nicht zu viel verlangt? Nein, gar nicht. Denn bei Gott ist willkommen, „wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“ (Apg 10, 35)
Damit ist nicht gemeint, vor Gott Angst haben zu müssen. Vielmehr bedeutet das, ihn als unseren Vater zu ehren, auf ihn zu vertrauen und zu versuchen,
seinen Willen zu tun.
Wir dürfen uns dabei sogar auf seinen „Heiligen Geist“ (vgl. Apg 10,38) verlassen.
Und so wünsche ich dir, dass auch du in diesem Jahr für viele andere Menschen zu einer kleinen Kerze werden kannst, durch die Gottes Botschaft in die Welt strahlt.
PDF zum Download: ABENTEUER AM SONNTAG 11. Januar 26
Lektionar 2018 ff. © staeko.net
Text und Fotos: Karl-Georg Michel
Diözese Augsburg, Fachbereich Kirche und Umwelt, www.pastorale-grunddienste.de
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