Es ist schon Jahre her. Zwei Freunde hatten mich zum Segeln an die Ostsee eingeladen. Wir waren eine Woche lang unterwegs zwischen Deutschland und Dänemark. Genauer gesagt in der Dänischen Südsee. So ein kleines Meer, was kann da schon passieren, dachte ich mir. Nur: Das Wetter kann dort oben sehr stürmisch sein. Und so war ich am letzten Tag unseres Segeltörns plötzlich mitten in einem der großen Abenteuer meines Lebens.
„Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus.“ (1 Kön 19,11b)
Wir waren nur zu dritt: zwei mit langjähriger Segelerfahrung und ich als „Leichtmatrose“. So habe ich mich gesehen: als einer, der zum ersten Mal auf großer Segeltour ist und dabei keine Ahnung hat. Selbst das Knüpfen einfacher Knoten ist mir schwergefallen.
Am letzten Tag unserer Tour mussten wir frühmorgens in aller Eile aufbrechen. Stürmisches Wetter war vorausgesagt. Wir hatten einen weiten Weg zurück über offene See vor uns. Was der Wetterbericht aber nicht sagte: In der Kieler Bucht braute sich ein ziemlich schwerer Sturm zusammen.
Genau da mussten wir aber hin. Den ganzen Tag über wurde es immer rauer. Gischt peitschte über das Wasser. Als wir am Nachmittag nur noch ein paar Seemeilen von unserem Hafen entfernt waren, konnten wir nicht anlegen. Heftige Sturmböen verhinderten das. Zu groß wäre die Gefahr gewesen, Schiffbruch zu erleiden.

Foto: Karl-Georg Michel
Also haben wir das gemacht, was Segler dann tun: Wir sind stundenlang mitten in dem schweren Sturm auf offener See hin und her gesegelt. Von Ost nach West, dann wieder zurück, und so weiter. Unser Boot war kein kleines. Es war mehr als zehn Meter lang. Aber die Wellen, in denen wir uns befanden, kamen mir dennoch so vor wie riesige Berge aus Wasser. Manchmal dachte ich mir: Wir sitzen in einer kleinen Walnussschale und das Meer macht mit uns, was es will.

Foto: Karl-Georg Michel
„Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind.“ (Mt 14,24)
Ich habe am ganzen Körper gezittert. Weil es kalt und feucht war. Aber auch, weil ich von dieser Naturerfahrung mindestens genauso aufgewühlt war wie das Meer um mich herum. Nicht, dass ich große Angst gehabt hätte. Gut, ein bisschen vielleicht. Aber ich habe gebetet und war überzeugt, uns würde nichts passieren. Dafür hatte ich einfach zu großes Vertrauen in die Erfahrung meiner beiden Mitsegler.
„Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus.
Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst.
Und als er begann unterzugehen, schrie er:
Herr, rette mich!
Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm:
Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.“ (Mt 14,30f)

Foto: Karl-Georg Michel
Immer, wenn ich diese Geschichte aus dem Matthäusevangelium höre, wie jetzt an diesem Sonntag, muss ich an meine ganz persönliche Sturmerfahrung denken.
Irgendwann schafften wir es dann doch, mitten in dem schweren Sturm Heiligenhafen anzulaufen. Meine beiden Begleiter haben mir auf die Schulter geklopft und gratuliert: Das war nicht nur der erste und schwerste Sturm meines Lebens. Auch meine Kameraden auf hoher See hatten so was noch nie erlebt.
Am nächsten Tag bin ich ziemlich taumelnd durch Lübeck gelaufen. Zu sehr hatten sich meine Sinne an den schweren Seegang gewöhnt. Aber fast so schwankend wie ein Betrunkener durch diese Stadt zu gehen, machte mich mächtig stolz: Ich war jetzt ein echter, erfahrener Seemann und kein Leichtmatrose mehr.
PDF zum Download: ABENTEUER AM SONNTAG 09. August 26
Lektionar 2018 ff. © staeko.net
Text und Fotos: Karl-Georg Michel
Diözese Augsburg, Fachbereich Kirche und Umwelt, www.pastorale-grunddienste.de
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